New York 7.-28.9.2011
„If I can make it there, I’ll make it anywhere…“
-Frank Sinatra in “New York New York”-
Mit diesem schönen Motto bin ich dieses Jahr zu meinem vierten Aufenthalt in New York aufgebrochen. In 1992 war ich schon zum ersten Mal in New York, jedoch als Touristin -dann wieder erst in 2008 und letztes Jahr, beide letzten Male nun beruflich. Vor einem Jahr habe ich, nach dem ich bei einer Jam-Session (= ein zwangloses Zusammenspiel von Jazz-, Blues- und Rock- Sängern und -Musikern, die nicht üblicherweise in einer Band singen bzw. spielen oder gar sich kennen) im Kitano-Club gesungen hatte, eine kurzfristige Auftrittsmöglichkeit mit dem amerikanischen Sänger Tony Middleton ebenso im Kitano bekommen und leider verpasst, da mein Rückflug einen Tag davor war. So ein Angebot könnte ich ja wieder bekommen, und diesmal wollte ich es wirklich nicht noch ein Mal verpassen! Daher habe ich mich entschieden beim nächsten Mal länger in New York zu bleiben. Und Träume können wahr werden! Dieses Jahr konnte ich mir wirklich drei Wochen in New York realisieren. Auch Dank meiner finnischen Freundin Lea, die mir ein Dach überm Kopf im Stadtteil Brooklyn für die ganze Dauer meines Aufenthaltes gab.
Ja, auch Erwartungen hatte ich, vielleicht teilweise sogar sehr hohe, aber dann auch wieder keine. Also kann es in New York nur schön werden. Und so wurde es auch, wunderschön war es. Ich habe so tolle Erlebnisse dort gehabt, ich hätte es mir nie in meinen mutigsten Vorstellungen wünschen können. Und diese Freude möchte ich jetzt mit Euch teilen.
Aber ich sollte nicht nur Spaß haben, sondern es sollte ein s.g. „Working-Holiday“ werden. Jedoch mit Singen und Musik ist es einfach so für mich, dass die Arbeit zum Holiday wird J Einen Auftritt hatte ich mir aus der Ferne ergattern können. In „Garage“, so heißt der Club in Greenwich-Village. Letztes Jahr hatte ich eine tolle deutsche Kontrabassistin und Bandleaderin, Iris Ornig aus dem Allgäu, dort kennengelernt. Also war die Band auch schon mal „da“. Es reicht aber nicht, einfach einen Gig zu haben, sondern man muss auch sein Publikum „mitbringen“. In New York gibt es ca. 40 Jazz-Clubs (ich dachte es wären mehr!) und die zig-fache Anzahl an tollen Sängerinnen und Sänger. Das Angebot ist so riesig und die Konkurrenz sehr hart! Aber ich konnte einige alte und neue Freunde, Bekannte und Fans mobilisieren –sie sind auch tatsächlich gekommen. Unser Auftritt war erfolgreich, das bestätigte das gute Feedback vom Publikum und Personal.
In einigen Clubs habe ich beim s.g. „Open Mic“ gesungen. Das heißt, es ist eine Band vorhanden, die dann den Sänger oder die Sängerin begleitet. Sie melden sich beim Host an und werden, oder auch nicht, dann aufgerufen, um ihr Bestes zu geben. Den besten „Open Mic" gibt es meiner Meinung nach im Birdland, einem von den besten drei Jazz-Clubs in New York. Die Bühne und die Atmosphäre sind toll und die Band ist sehr, sehr gut. Ich wurde zu meiner Überraschung ziemlich früh aufgerufen, hatte ich doch als eine unbekannte Sängerin mit einer langen Wartezeit gerechnet. Auf dem Weg zur Bühne sagte ich zu mir „und jetzt zeigst du, was du drauf hast!“ Nach einem Small-talk mit dem Host Jim Caruso, so heißt er, ging es los. Ich fühlte mich sehr wohl auf der großen Bühne. Als das Publikum nach dem ersten Gesangs-Chorus jubelte, war alles gut. Ein Paar Gäste sind zu mir gekommen und sagten, dass der Gesang ihnen sehr gut gefallen hat. Der Host meinte nach meinem Singen, dass ich öfter kommen sollte. Daraufhin bin ich noch einmal nächsten Montag hin. Der Bartender James meinte „sehr schön, dass Du wieder für uns singst“. Der Club-Besitzer, Gianni –ein Italiener, sagte zu mir „vielen Dank, dass Du wieder gekommen bist, Du klingst fantastisch“. Yeah! In einigen weiteren Clubs habe ich mich bei den Managern vorgestellt: Jazz Standard, Somethin‘, Zinc-Bar, 55 Bar … Bei der finnischen Botschaft auch. Im Scandinavia House habe ich für nächsten Sommer einen Konzerttermin bekommen. Dazu kommen hoffentlich noch einige mehr. Aber es heißt: Dran bleiben!
Von einem Pianisten habe ich von einer Master Class mit Kurt Elling erfahren. Er wird als der beste Jazz-Sänger der Welt bezeichnet. Ich habe kurzfristig noch einen Platz bekommen. Das Besondere ist, dass er nur in den USA Master Classes gibt. Also habe ich auch mein Ziel mit der Weiterbildung erfüllen können.
Tolle Konzerte fanden in der Stadt statt. Ich durfte Jon Hendricks im Lincoln Center erleben. Unglaublich, was der 90-jährige immer noch auf der Bühne darstellt. Und meine Idolin, Dianne Reeves (Foto anbei) und Bobby McFerrin. Dazu noch bin ich in die Backstage gekommen und durfte mit ihnen kurz sprechen. Als Fotos wurden diese herzlichen Begegnungen verewigt. Meine neue New Yorker Freundin Jody hat gute Kontakte und hat für uns mehrmals Freikarten ergattern können. Sie hatte mich zu einem Konzert mit den New York Philharmonics, in Nabucco in der Metropolitan Opera und zu Jazz Standard, so heißt der Club, mit Terri Lyne Carrington Mosaic-Projekt feat. U.a. Nona Hendryx von LaBelle mitgenommen. Ihr alle kennt „Gitchi Gitchi Ya Ya Ta Ta“ von dem berühmten Song „Lady Marmalade“! An dem Abend sang sie „Strange Fruit“, einen Song von 1939 in dem es über die Ungerechtigkeiten geht, die die Afroamerikaner damals erleben mussten. Ihr Gesang war so ergreifend, dass es innerlich mich sehr bewegte und ich die ganze Zeit vor lauter Rührung weinen musste.
Am 11. September war es ruhig in der Stadt. Es war der 10. Jahrestag nach der Katastrophe. Ich habe es am Vorabend gemerkt, dass die Polizei verstärkt auf den Straßen aktiv war, Straßensperren wurden aufgestellt etc. Mehrere Memorial-Veranstaltungen fanden statt aber zum Ground Zero wollte ich diesmal doch nicht. Bisschen Angst hatte ich schon und daher wollte ich von dort fern bleiben und bin zu einem Marathon-Non-Stop-Konzert mit einer neuen Bekannten, einer schwedischen Jazz-Sängerin gegangen. Emma hat ihren Traum verwirklicht. Sie hat das s.g. Artist Visa bekommen und darf offiziell erstmals drei Jahre lang als Sängerin in New York arbeiten. Ungefähr zwei Kilo Papier und ca. USD 3500 hat es sie gekostet.
Die Stadt hat eine unglaubliche Energie. Man spricht von den „New York vibes“. Diese habe ich ganz klar dort gespürt. Und auch bisschen davon mitgenommen. Und dies versuche ich nun in meiner Arbeit als Sängerin noch weiterzuleben. Schon vor Ort gab es eine Inspirationsspritze: Im Bryant Park an der 42. Straße West hatte ich auf der Parkbank eine neue Songidee gerade notiert als ich eine bestimmende männliche Stimme hörte „Sit up!“. Ich drehte mich um und sah zwei Polizisten, der eine wiederholte sein Kommando. Man darf in New York auf einer Parkbank sitzen, aber nicht liegen. Jetzt weiß ich es auch.
Die Krönung der Reise war, das ich tolle Menschen kennengelernt habe. Es sind auch Freundschaften in der kurzen Zeit entstanden. Das tut einfach gut. Und Ideen für die Zusammenarbeit: z.B. mit dem Schweizer Sänger Beat Kaestli werde ich ein Duett bei seiner Deutschland-Tour in München Ende Oktober 2011 singen.
Bis zum Ende war meine Reise voller Überraschungen. Im Flieger erfuhr der Purser, der Chef des Kabinenpersonals, dass ich Sängerin bin und darauf fragte er mich, ob ich für alle onboard singen würde? Ich antwortete in etwa wie: „Ist es Ihnen klar, dass ich mit JA antworte?!?“J Die Köpfe der Passagiere drehten sich nach hinten, weil sie alle sehen wollten WER da singt. Nun habe ich auch schon auf 11 000 Meter Höhe gesungen. Wäre das vielleicht etwas für das Guinness-Buch der Weltrekorde?





